![]() |
Journalistenkanzel |
Tut Kirche gut? Ach, ich sage mal ja. Auch weil heute so ein schöner Tag ist. Was evangelische Gemeindefeste angeht, habe ich an diese schließlich die schönsten Erinnerungen. Als Volontär der Ostfriesenzeitung habe ich vor 30 Jahren immer wieder über Gemeindefeste geschrieben, die auch deshalb so wundervoll waren, weil die jeweiligen Pfarrfrauen mich so anstrahlten und mir das schönste Stück Kuchen gaben, um die Presse zu beeinflussen. Ich habe manchmal auch mitgetanzt und mitgesungen Und immer habe ich empfunden: Wenn Kirche so ist, lasse ich mir das alles gerne gefallen.
Aber: es waren damals bewegte Zeiten. Und der Geist der Rebellion wehte auch in den äußersten Nordwesten Deutschlands. Und indem ich alles daran setzte, sattsam bekannte Autoritäten zu untergraben, musste halt auch die Kirche dran glauben. Ich las beispielsweise das Buch von Horst Hermann: "Die sieben Todsünden der Kirche"mit einem Nachwort von Heinrich Böll, der fand, sieben Todsünden seien noch zu niedrig gegriffen. Horst Hermann beklagte in seinem Buch die "totale Gängelung des geistigen und sittlichen Menschen" durch die katholische Kirche. Diese sei misstrauisch gegen Außenseiter, selbstgerecht und selbstmitleidig. Wenig später wurde dem Autor, Professor für katholische Theologie an der Universität Münster, die kirchliche Lehrerlaubnis aberkannt.
Auch las ich das Buch "Einstmals krähte der Hahn" von Karl-Heinz Deschner. Ich war entsetzt, welche blutigen Seiten in der Geschichte des Christentums mir früher in der Schule vorenthalten worden waren. Aber erst die Lektüre des Buches "Warum ich kein Christ bin", 1927 vom englischen Philosophen Bertrand Russell geschrieben, hat in mir die entschiedensten Zweifel gesät. Russell schrieb, bei so vielen Religionen auf der Welt, die sich zum größ,ten Teil widersprächen, könne unmöglich eine einzige Religionsgemeinschaft die volle Wahrheit für sich beanspruchen.
Dabei fand Bertrand Russell einiges von dem, was Jesus sagte, einfach vorbildlich. Zum Beispiel den Satz:"Wer dich um etwas bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, von dem wende dich nicht ab."Als augezeichnete Maxime bezeichnete Russell auch folgenden Satz Jesu:"Willst du vollkommen sein, so gehe hin und verkaufe alles, was du hast, und gib den Erlös den Armen." Russell konnte freilich nicht feststellen, dass diese Maxime bei den Christen sehr beliebt sei. Aber Christus hatte,wie Russell es ausdrückte, einen schweren Charakterfehler, nämlich dass er an die Hölle glaubte. Und Russell schrieb:"Ich meinerseits finde nicht, dass jemand, der wirklich zutiefst menschenfreundlich ist, an eine ewigwährende Strafe glauben kann."
Unter dem Eindruck all dieser Lektüre trat ich 1973, ich wohnte inzwischen in Braunschweig, aus der evangelisch-lutherischen Kirche aus. Und ich weiß noch, dass ich kurz vorher das Gedicht "Lob des Zweifels" von Bert Brecht las. Die ersten Zeilen lauten:
"Gelobt sei der Zweifel! ich rate euch, begrüßt mir
Heiter und mit Achtung den
Der euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!
Ich wollte, ihr wäret weise und gäbt
Euer Wort nicht allzu zuversichtlich."
Es war die Zeit meiner größtmöglichen Entfernung von der Kirche. Aber wie Trennungsgeschichten manchmal so laufen. In den Tagträumen blickt man doch ganz gerne zurück, hält noch mal diese, mal jene Hand. Also dachte ich an die ostfriesischen Gemeindefeste, an die Tänze, den Gesang, an den Korn, den ich mit manchem Pfarrer trank und an all die schönen Stunden, die ich hier aber aus Zeitgründen nicht näher beschreiben möchte. Längst bin ich wieder halbwegs dabei. Wie soll ich das nennen. Ich bestimme, scheinbar, Nähe und Distanz. Ich bin da wie ein gewöhnlicher Partygast. Ich trete an das reichhaltige Büffet der schönsten christlichen Gedanken und picke mir das Beste heraus. Bei Unterhaltungen mit Theologen und ähnlichen Menschen versuche ich durch freche Sprüche zu glänzen. Wenn die Gottessuche bei solchen Terminen überhand nimmt, rufe ich die in meinem Langzeitgedächtnis gespeicherten Provokationen ab. Zum Beispiel sage ich: "Vielleicht finden Sie Gott, wenn Sie aufhören, ihn zu suchen." Auch bin ich aus rein pragmatischen Gesichtspunkten dort, wo Kirchenvertreter sich tummeln. Weil ich nämlich als Journalist, der das ganze Leben betrachtet, nicht auskommen kann ohne Versuche, meinen Horizont zu erweitern. Ich gehe dabei gerne dorthin, wo es gefährlich ist, in die Zone der Grenzüberschreitung. Natürlich bin ich schon von Berufswegen neugierig. Aber mein Grundsatz steht: Es gibt ein Leben vor dem Tode! Eine Existenz nach dem Tode stelle ich mir gar nicht vor. Ich bin da ungefähr der Auffassung des beliebten Schauspielers Mario Adorf, der neulich in einer Talkshow sagte: "Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tode. Sollte es anders kommen, wäre es eine schöne Überraschung für mich." Auch habe ich sehr viel Sympathie für eine Karikatur von Hans Traxler in seinem Buch "Das fromme Krokodil": Zitat: "Was für eine unangenehme Erfahrung für Herbert! Da traf er nun im Jenseits all die Pappnasen und Langweiler wieder, die er schon im Diesseits kaum ertragen konnte!"
Aber noch einmal: ich bewege mich gern in kirchlichen Kreisen. Ich liebe diese Gespräche über Gott und die Welt. Gespräche, die ich nicht missen möchte. Das Schöne: gerade, wenn ich meine Zweifel äußere, bin ich meistens hochwillkommen. Hin und wieder freilich treffe ich auf Menschen, die mir mitteilen, das ganze Abendland sei moralisch verkommen. Das ganze? Längst habe ich in solchen Unterhaltungen die moralische Entrüstung über den Sittenverfall von heute entlarvt als das, was sie sind: zwei Prozent Moral, 48 Prozent Hemmungen und 50 Prozent Neid. Oft habe ich das Gefühl, dass einige schlicht Angst vor dem Alter und dem Verlust der Schönheit haben. "Die Jugend", habe ich neulich passend einwerfen können, "wäre der ideale Lebensabschnitt, wenn er etwas später käme."
Bei ernsthafteren Gesprächsphasen etwa über Schuld unf Sünde halte ich mich im ersten Fall an das Grundgesetz und im zweiten an einen Satz des britischen Schriftstellers William Sommerset Maugham: "Im Alter bereut man vor allem die Sünden, die man nicht begangen hat." Im übrigen weigere ich mich, mich nach jenen Sündenregistern zu richten, die erzkonservative evangelische Theologen massenweise ins Internet stellen. Es sind Texte, in denen alles, was den Menschen Spaß macht, in die Nähe des Verwerflichen gerückt wird. Ich habe dafür eine tiefenpsychologische Erklärung: Die Abscheu vor dem Sündigen ist in Wirklichkeit der höchste Ausdruck des Wunsches. Diese Eiferer sind von der Sünde fasziniert, sonst würden sie sich nicht über das Thema die Finger wund schreiben. Dabei darf das, was sie fordern, nämlich möglichst nicht mehr zu sündigen, eigentlich nie eintreten, weil es die christlichen Kirchen in ihrem Fundament erschüttern würde. Die Sünde ist so eine Art Kapital, das bei drohendem Verlust aufgestockt werden muss. Man stelle sich einmal vor, der Markt des Sündigen würde spürbar schrumpfen. Es wäre vielleicht nicht das Ende der christlichen Kirchen. Aber die Hälfte der Planstellen könnte man sicherlich streichen.
Weil mit der Ausmalung, was alles Sünde sei, so schrecklich übertrieben worden ist, wird das Thema heute gerne verniedlicht. Unter Sünde verstehen heute die meisten Leute einen Verstoß gegen den Diätplan. Zarah Leanders Frage "Kann denn Liebe Sünde sein?" wird ebenso augenzwinkernd verneint, wie wir heute die Umkehrung "Kann denn Sünde Liebe sein?" leichten Herzens gelten lassen können. Im übrigen verzeichnet die Suchmaschine "Google" im Internet unter dem Stichwort "Sünde" sage und schreibe 35 900 Eintragungen. An der Spitze dieser Liste "Liebe Sünde online", die Web-Ausgabe des gleichnamgen Sex-Magazins auf Pro Sieben.
Es sind schlechte Zeiten für jene Theologen, die jedes Detail der komplizierten evangelischen Statik bewahren wollen. "Der moderne Mensch", schreibt der Konstanzer Soziologieprofessor Hans-Georg Soeffner, "verhält sich wie ein Chamäleon auf Sinnsuche - er wechselt die Religion je nach Stimmung und Umgebung." Der Weltanschauungstourist von heute, schreibt er, begibt sich auf eine Reise mit offenem Ende. Dabei sind religiöse Standardlösungen nicht mehr gefragt. Eine naive Rückkehr zum Glauben unserer Väter scheint verbaut. Aber der Professor berichtet auch Tröstliches: Jedem Religionshopping liege, wie er meint, ein Anlass zugrunde, der tief verwurzelt sei: eine grundlegende Religiösität.
Möglicherweise würde eine Besinnung auf das Wesentliche, ein theologisches Abspeckprogramm, der evangelischen Kirche prima bekommen. Aber was macht sie? Sie hechelt dem Zeitgeist hinterher, macht als alte Kirche auf jung. Ein Beobachter des letzten evangelischen Kirchentags in Frankfurt schrieb in der Süddeutschen Zeitung: "Im Bestreben, auf Teufel komm raus mit der Zeit zu gehen, aus Angst, wie von vorgestern zu wirken, hat die evangelische Kirche sich allen modernen Zeitströmungen nur angepasst." Sie heuert, lesen wir weiter, sogar Werbeleute an, weil sie offenbar nicht mehr weiß, wie sie Gottes Wort unter die Menschen bringen soll. So wurden rechtzeitig zum Kirchentag sogenannte "Luther-Socken" hergestellt mit der Aufschrift: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Luthers Ausspruch vor dem Reichstag in Worms, Ausdruck eines felsenfesten Glaubens angesichts von Acht und Bann, wird zum billigen Gag.
Der kluge Kollege von der Süddeutschen, Burkhard Brunn, hat mit seinem Artikel einiges Aufsehen erregt. Also zitieren wir ihn noch einmal:"Eine Untersuchung hat vor kurzem ergeben, dass junge Leute besonders die Großeltern cool finden. Warum? Vielleicht, weil sie ihnen anders vorkommen als die smarten Eltern, die mit ihren Kindern konkurrieren. Warum ist die alte, lebenserfahrene Kirche nicht bewusst anders? Sie ist ja durchaus keine beliebige Institution, die den Wettbewerb zu fürchten hätte."
Überall heute christlicher Lifestyle, eingebettet in ein Meer konventionellster Alltagsbetrachtungen mit religiösem Touch. Belanglos auch das "Wort zum Sonntag" von Bärbel Deifel-Vogelmann vor kurzem im Fernsehen gesprochen. Ihr Text mit der Überschrift "Alles beginnt mit der Sehnsucht" umspannt auf das Trivialste ein Spektrum vom Strandgeflüster bis zum heiligen Augustinus. Ich habe mir ihren Text aus dem Internet runtergeladen, auch ihr Foto. Vielleicht, würde ich sagen, etwas zu hochgeschlossen für ihren Traum, "die Zehen in den feuchten Sand zu graben und die Sonne warm auf der Haut zu fühlen."
Aber Frau Deifel-Vogelmann gefällt mir mit ihrem blauen Halstuch besser als ihre streng blickende Kollegin Oda-Gebbine Holze-Stäblein. Diese schrieb einmal ein Wort zum Sonntag mit der Überschrift "Du stellst meine Füße auf weiten Raum". Es geht um einen Überfall. Um einen Überfall auf dem erwähnten Kirchentag. Zitat: "Da nimmt plötzlich jemand deine Füße in seine Hand; nimmt sie wichtig und behandelt sie gut, übergießt sie mit Wasser, seift sie ein, massiert sie, trocknet sie und cremt sie ein. Und du fühlst dich wie neu geboren." Und dann erwähnt sie, dass auch Jesus seinen Jüngern einmal die Füße gewaschen habe, kurz vor seinem Tod.
Entschieden origineller als Frau Holze-Stäblein ist der Hamburger Pastor Stefan Wolfschütz. Unter dem Markennamen "Domus domini" (Haus Gottes) vertreibt er Weingläser, Kaffeebecher, Schmuck und Parfüm. Sein Parfüm "cygny 35" soll aber nicht nur gut riechen, sondern laut Werbetext "die Weite der christlichen Botschaft" verströmen. Bald will dieser Pastor über Handy, über SMS, einen so genannten "Segensdienst"einrichten.
Von mir aus. Ich habe nichts gegen Parfüm. Für diese Rede habe ich extra Eau de Toilette "Pour monsieur" von Chanel aufgetragen. Aber ich muss mich wappnen. Ich, der ich die deutsche Sprache liebe, möchte in dieser Flut von beliebig austauschbaren, nichtssagenden Texten nicht ertrinken.
Vor Wochen habe ich in Braunschweig über ein Seminar geschrieben für junge Vikarinnen und Vikare. Ein Hamburger Psychotherapeut machte deutlich, dass er sich dem religiösen Fast Food entgegenstemmen möchte. Sein Credo: Mehr Spiritualität. Sein Ansatz: körperorientierte Therapieformen. Mit dem Ziel, so zu sprechen, dass das, was aus der Bibel vorgelesen wird, intensiver rüberkommt. Eine Vikarin sollte die Begebenheit mit den 3000 Gadarener Säuen überzeugend vortragen. Der Vorgang: Jesus ließ den Teufel in die Säue fahren, so dass diese den Hügel hinab ins Meer stürmten. Ich habe diese Stelle nie verstanden. Ich habe einfach nur Mitleid mit den Schweinen. Und ich habe mitgelitten, als die Vikarin aufgefordert wurde, ihre Stimmlage so zu wählen, dass man sich das angstvolle Grunzen und Quieken der Schweine vorstellen konnte.
Die schwierigste Frage zum Schluss: "Wie soll ich mir Gott vorstellen?" Wenn er wirklich der Schöpfer der Welt ist, dann hat er vor zig Milliarden Jahren einiges zu tun gehabt. Astronomen haben berechnet, dass es im Weltall viel mehr Himmelskörper gibt als Sandkörner an allen Stränden und in allen Wüsten unserer Erde. Wie soll einer so viel Sonnen und Trabanten schaffen? Aber vielleicht ist Gott ganz in unserer Nähe. Vielleicht sitzt er, mutmaßen Neurotheologen von der Universität von Pennsylvania, in unserem Gehirn. Sicher ist nach mehreren Langzeitstudien eins: Wir können durch spirituelle Praktiken, etwa beim Meditieren, bestimmte Hirnregionen so beeinflussen, dass wir uns eins fühlen mit dem Universum. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen stehen in dem Buch "Why God won't go away." Das wichtigste Fazit dieser Forschung: "Das menschliche Gehirn ist genetisch und anatomisch so geschaltet, dass es religiöse Überzeugungen begünstigt." Gott ein neurologischer Befund? Da tun sich neue Schmerzgrenzen auf. Die ich aber an dieser Stelle nicht erkunden möchte. - Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Autor: |
Erstellt am: 26.11.2001 |
Zurück |