Brot statt Böller
Wenn es in der Silvesternacht
rund um uns her so lustig kracht,
wenn rechts und links Raketen flitzen
und China-Böller Feuer spritzen,
Kanonenschläge schmetternd knallen
und Leuchtkugeln vom Himmel fallen,
wenn Sekt und Bier in Strömen fließen,
wir unsern Überfluss genießen,
ist uns die Dritte Welt so Wurscht!
- Mensch, hab' ich Durscht!
Was gehn mich Not und Hunger an!
Hab' ich etwa die Schuld daran,
Dass weit weg in der Sahel-Zone
- wo Gottseidank ich selbst nicht wohne -
fast alles fehlt, um Not zu lindern?
Mangelkrankheiten auch bei Kindern
sind freilich schlimm, ich geb' es zu;
doch lasst mich damit jetzt in Ruh!
Ich bin vom Essen, Trinken matt
und auch zu satt.
Übrigens gibt's tatsächlich Leute,
die selbst an einem Tag wie heute,
wo doch schließlich Silvester ist
und man das Neue Jahr begrüßt,
sich nicht mal 'ne Rakete gönnen
(obwohl sie's finanziell doch können!).
Die spenden das gesparte Geld
zum Beispiel an "Brot für die Welt" -
Jetzt bin ich müde, es ist spät,
ich geh' ins Bett.
Des Nachts dann quälte mich ein Traum:
Ich saß an einer Straße Saum
und schrie verhungernd "gebt mir Brot,
ich bin ein Mensch wie ihr - in Not!"
Da rief mir plötzlich jemand zu
"Lass mich mit deinem Leid in Ruh!"
Und dieser Jemand war auch ich!
Angst und Entsetzen weckten mich.
Ich weiß - jetzt wach wie nie zuvor -:
Ich war ein Tor!