Liebe Leser und Leserinnen,
das Erntedankfest steht vor der Tür. Die Ernte von den Feldern ist fast vollständig eingebracht und wenn man den Berichten glauben kann, war es dieses Jahr eine sehr schlechte Getreideernte. Früher wäre diese Nachricht mit großem Interesse aufgenommen worden, begleitet von der bangen Frage, ob es denn reichen wird für den Winter und das kommende Jahr. Heute drücken uns solche Sorgen nicht mehr. Immer gibt es irgendwo auf der Welt eine gute Ernte. Es gibt viele gefüllte Kornspeicher und das Angebot in unseren Läden ist scheinbar unbegrenzt. Diejenigen, die Geld haben, können kaufen, was das Herz begehrt.
Wir leben in einer Überflussgesellschaft und doch sollten wir bei dem Anblick der gefüllten und verlockenden Regale nicht vergessen, der Überfluss der Waren verhindert nicht den Mangel, den viele Menschen erleben.
Hier nur drei Beispiele:
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Die Erdbeeren im Winter haben einen langen Weg hinter sich. Sie kommen oft aus den sogenannten Dritte-Welt-Ländern. Sie bringen Devisen in das Land, weswegen die dortigen Großgrundbesitzer sie lieber anbauen als einfaches Korn. Leider bedeutet das für die Armen dieser Länder oft Hunger, weil es zu wenig Korn gibt und sie nicht das Geld haben, sich Getreide auf dem Weltmarkt zu kaufen.
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Treffpunkt: Müllcontainer am Einkaufsmarkt
Sie treffen sich jeden Morgen, wenn die abgelaufenen
Lebensmittel im Müllcontainer verschwinden. Drei, vier
Menschen, meistens Frauen, und es werden mehr, die die
Abfälle nach Essbarem durchsuchen, weil ihr Geld scheinbar
nicht reicht. Kostenloses Essen mit hoher Wahrscheinlichkeit
auf einen verdorbenen Magen und das mitten in unserer
Überflussgesellschaft, mitten in Lehndorf.
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Mehr Essen als uns gut tut - und doch nicht satt werden.
Wie viele Menschen stehen abends nach einem langen Tag und
nach drei Mahlzeiten vor dem Kühlschrank, suchen noch etwas,
was gut tut. Da ist so ein untergründiger Hunger,
irgendetwas Ungestilltes. Da müsste doch noch etwas
Passendes zu finden sein. Nach den Chips, der Schokolade,
dem Wurstbrot mit Bier fühlt man sich pappsatt und doch
unzufrieden, sehnsuchtsvoll.
Der gigantische Überfluss und
die allgegenwärtige Werbung verwirren uns so, dass wir oft
gar nicht mehr wissen, wonach wir wirklich Hunger haben.
Nicht alles, wonach wir hungern, findet sich in einem
Kühlschrank, das meiste findet sich eher im freundlichen
Gesicht des Anderen, in einem guten Gespräch, in einem
anerkennenden Nicken...
Der Überfluss scheint dem
Erntedankfest viel von der Bedeutung genommen zu haben. Doch
neben dem Überfluss gibt es eben auch viel Mangel.
Ein Gebet
für das diesjährige Ernte-Dank-Fest könnte lauten:
Herr, hab
Dank, dass wir nicht um unser tägliches Brot fürchten
müssen.
Halte unsere Sinne wach, so dass wir wissen, wonach
uns hungert.
Lass uns erkennen, dass trotz allen Überflusses
das Teilen von Gütern und
die gegenseitige Zuwendung
Grundlagen einer menschenwürdigen Gesellschaft sind.
Amen.
Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Ernte-Dank-Fest.
Markus Fay-Fürst