Früher wurde ich vor Weihnachten regelmäßig von Freunden eingeladen; ich fuhr in
den Tagen vor Heilig Abend zu ihnen und spielte mit den Kindern, trank einen Tee
mit der Mutter, wenn sie während der Vorbereitungen aufs Fest mal eine Pause
einlegte. Spät abends, wenn der Vater von der Arbeit zurückkam, hörte ich ihm
zu; ich war so etwas wie ein Blitzableiter der Hoch-Spannung vor dem Fest.
Wenn
die Feiertage vorüber sind, sind wir erlöst - vom Stress der Vorbereitungen. Vom
Warten auf das Fest. Von der Sorge, ein Geschenk zu finden, das den Beschenkten
freut. Von der Weihnachtswerbung in Fernsehen und Fußgängerzone. Von Spekulatius
und Lebkuchen.
Was aber ist mit der wirklichen Erlösung?
Wann kommt die Erlösung
von Krankheit, Unfrieden und Leid?
So viele Jahrhunderte schon warten die
Menschen - und haben das Warten aufgegeben, weil sie ja doch nicht kommt, die
Erlösung. Für manche Menschen im zurückliegenden Jahr war der Tod eine Erlösung;
aber eine wirkliche Erlösung ist er nicht, sondern nur das kleinere von zwei
unerträglichen Übeln. Gewünscht haben sie sich etwas anderes: Leben, keine
Schmerzen mehr aushalten müssen, nicht mehr einsam sein.
Wenn wir das Warten auf
Erlösung aufgeben, begrüßen wir den Tod als Erlöser. Manche können einfach nicht
mehr - und haben niemanden, der für sie wartet und die Hoffnung nicht aufgibt.
Aber wir anderen - solange wir auf die Erlösung warten, solange wir die Hoffnung
auf Veränderung, auf ein Ende des Streites, der Einsamkeit, auf ein Ende von
Krieg und Leid nicht aufgeben, behauptet sich das Leben gegen den Tod.
Weihnachten feiern wir dieses Wunder, dass in der tiefsten Dunkelheit Licht
aufbricht, dass der tot geglaubte Stumpf ein Röslein treibt, mitten im kalten
Winter. Wir warten und geben nicht auf - und werden so auch zu einem Licht, zu
einem Erlöser für einen Freund, für eine Nachbarin, die das Warten aufgeben
will.
Ich wünsche Ihnen und mir zu Weihnachten nicht die Erfüllung aller
Wünsche, ich wünsche uns, dass wir zu warten lernen und die Erfahrung machen
dürfen, dass es nicht vergeblich ist.
Güntzel Schmidt
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