Gedanken zum Motto des
Stadtteilkirchentages von Harald Duin, Redakteur der
Braunschweiger Zeitung (Auszüge aus der Rede vom 1.
September 2001)
Tut Kirche gut? Ach, ich sage mal ja. Auch
weil heute so ein schöner Tag ist. Was evangelische
Gemeindefeste angeht, habe ich an diese schließlich die
schönsten Erinnerungen. Als Volontär der Ostfriesenzeitung
habe ich vor 30 Jahren immer wieder über Gemeindefeste
geschrieben, die auch deshalb so wundervoll waren, weil die
jeweiligen Pfarrfrauen mich so anstrahlten und mir das
schönste Stück Kuchen gaben, um die Presse zu beeinflussen.
Ich habe manchmal auch mitgetanzt und mitgesungen Und immer
habe ich empfunden: Wenn Kirche so ist, lasse ich mir das
alles gerne gefallen. Aber: es waren damals bewegte Zeiten.
Und der Geist der Rebellion wehte auch in den äußersten
Nordwesten Deutschlands. Und indem ich alles daran setzte,
sattsam bekannte Autoritäten zu untergraben, musste halt
auch die Kirche dran glauben. (...) 1973, ich wohnte
inzwischen in Braunschweig, trat ich aus der evangelisch-
lutherischen Kirche aus. Und ich weiß noch, dass ich kurz
vorher das Gedicht "Lob des Zweifels" von Bert Brecht las.
Die ersten Zeilen lauten:
Gelobt sei der Zweifel! ich rate euch, begrüßt mir
Heiter und mit Achtung den
Der euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!
Ich wollte, ihr wäret weise und gäbt
Euer Wort nicht allzu zuversichtlich.
Es war die Zeit meiner größtmöglichen
Entfernung von der Kirche.
Aber wie Trennungsgeschichten
manchmal so laufen. In den Tagträumen blickt man doch ganz
gerne zurück, hält noch mal diese, mal jene Hand. Also
dachte ich an die ostfriesischen Gemeindefeste, an die
Tänze, den Gesang, an den Korn, den ich mit manchem Pfarrer
trank. Längst bin ich wieder halbwegs dabei. Wie soll ich
das nennen. Ich bestimme, scheinbar, Nähe und Distanz. Ich
bin da wie ein gewöhnlicher Partygast. Ich trete an das
reichhaltige Büffet der schönsten christlichen Gedanken und
picke mir das Beste heraus. Bei Unterhaltungen mit Theologen
und ähnlichen Menschen versuche ich durch freche Sprüche zu
glänzen. Wenn die Gottessuche bei solchen Terminen überhand
nimmt, rufe ich die in meinem Langzeitgedächtnis
gespeicherten Provokationen ab. Zum Beispiel sage ich:
"Vielleicht finden Sie Gott, wenn Sie aufhören, ihn zu
suchen." (...)
Aber mein Grundsatz steht: Es gibt ein Leben
vor dem Tode! Eine Existenz nach dem Tode stelle ich mir gar
nicht vor. Ich bin da ungefähr der Auffassung des beliebten
Schauspielers Mario Adorf, der neulich in einer Talkshow
sagte: "Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tode. Sollte
es anders kommen, wäre es eine schöne Überraschung für
mich." (...)
Aber noch einmal: ich bewege mich gern in
kirchlichen Kreisen. Ich liebe diese Gespräche über Gott und
die Welt. Gespräche, die ich nicht missen möchte. Das
Schöne: gerade, wenn ich meine Zweifel äußere, bin ich
meistens hochwillkommen. Hin und wieder freilich treffe ich
auf Menschen, die mir mitteilen, das ganze Abendland sei
moralisch verkommen. Das ganze? Längst habe ich in solchen
Unterhaltungen die moralische Entrüstung über den
Sittenverfall von heute entlarvt als das, was sie sind: zwei
Prozent Moral, 48 Prozent Hemmungen und 50 Prozent Neid.
(...)
Es sind schlechte Zeiten für jene Theologen, die jedes
Detail der komplizierten evangelischen Statik bewahren
wollen. "Der moderne Mensch", schreibt der Konstanzer
Soziologieprofessor Hans-Georg Soeffner, "verhält sich wie
ein Chamäleon auf Sinnsuche - er wechselt die Religion je
nach Stimmung und Umgebung." Der Weltanschauungstourist von
heute, schreibt er, begibt sich auf eine Reise mit offenem
Ende. Dabei sind religiöse Standardlösungen nicht mehr
gefragt. Eine naive Rückkehr zum Glauben unserer Väter
scheint verbaut. Aber der Professor berichtet auch
Tröstliches: Jedem Religionshopping liege, wie er meint, ein
Anlass zugrunde, der tief verwurzelt sei: eine grundlegende
Religiosität. Möglicherweise würde eine Besinnung auf das
Wesentliche, ein theologisches Abspeckprogramm, der
evangelischen Kirche prima bekommen. Aber was macht sie? Sie
hechelt dem Zeitgeist hinterher, macht als alte Kirche auf
jung. Ein Beobachter des letzten evangelischen Kirchentags
in Frankfurt schrieb in der Süddeutschen Zeitung: "Im
Bestreben, auf Teufel komm raus mit der Zeit zu gehen, aus
Angst, wie von vorgestern zu wirken, hat die evangelische
Kirche sich allen modernen Zeitströmungen nur angepasst."
(...)
Die schwierigste Frage zum Schluss: "Wie soll ich mir
Gott vorstellen?" Wenn er wirklich der Schöpfer der Welt
ist, dann hat er vor zig Millionen Jahren einiges zu tun
gehabt. Astronomen haben berechnet, dass es im Weltall viel
mehr Himmelskörper gibt als Sandkörner an allen Stränden und
in allen Wüsten unserer Erde. Wie soll einer so viel Sonnen
und Trabanten schaffen? Aber vielleicht ist Gott ganz in
unserer Nähe.
Vielleicht sitzt er, mutmaßen Neurotheologen
von der Universität von Pennsylvania, in unserem Gehirn.
Sicher ist nach mehreren Langzeitstudien eins: Wir können
durch spirituelle Praktiken, etwa beim Meditieren, bestimmte
Hirnregionen so beeinflussen, dass wir uns eins fühlen mit
dem Universum. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen stehen
in dem Buch "Why God won't go away." Das wichtigste Fazit
dieser Forschung: "Das menschliche Gehirn ist genetisch und
anatomisch so geschaltet, dass es religiöse Überzeugungen
begünstigt." Gott ein neurologischer Befund? Da tun sich
neue Schmerzgrenzen auf. Die ich aber an dieser Stelle nicht
erkunden möchte. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Harald Duin