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Liebe Leserin, lieber Leser,

 

Es ist Krieg. Ein Krieg des Guten gegen das Böse, wie es US- Präsident George Bush formulierte, die Verteidigung der Freiheit - "Prevailing Freedom", wie dieser Krieg getauft wurde. Seitdem schweigen die Glocken, sind die meisten Kirchen nicht mehr geöffnet und viele Friedensgebete verstummt. Die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon waren auch für uns ein Schock. Wir waren von der Tatsache, dass wir im eigenen Land nicht sicher sein können und dass Terroristen mit einfachen Mitteln unglaubliche Grausamkeiten anrichten können, wie gelähmt. Der Krieg, den wir nach Afghanistan getragen haben, nimmt uns dieses Gefühl der Ohnmacht. Wir können etwas tun, wenn es auch nur ein Zurückschlagen ist. Auch 1942 war Krieg. Auch ein Krieg des Guten gegen das Böse. 1942 komponierte der Engländer Benjamin Britten auf der Seite der Alliierten, der "Guten", einen Zyklus von Liedern auf mittelalterliche Gedichte, "A Ceremony of Carols", Op. 28. 

With tears he fights and wins the field,  Mit Tränen kämpft er - und behält das Feld, 
His naked breast stands for a shield Seine bloße Brust als Schild er stellt;
His battering shot are babish cries, Sein Sturmgeschoß ist Kinderschreien,
His arrows looks of weeping eyes, Seine Pfeile Blicke aus Augen voll Tränen,
His martial ensigns Cold and Need, Seine Feldzeichen sind: Kälte und Not,
And feeble Flesh his warrior's steed. als Streitroß steht ihm seine Schwäche zu Gebot.
His camp is pitchéd in a stall, Sein Heerlager ist aufgeschlagen im Stall
His bulwark but a broken wall; Nur eine geborstene Wand sein Wall.
The crib his tdench, haystalks his stakes; Die Krippe sein Schützengraben, Heu seine Pfosten,
Of shepherds he his muster makes; Aus Schafhirten stellt er zusammen die Posten,
And thus, as sure his foe to wound, Und darauf, sicher, den Feind zu bezwingen,

In dem Text heißt es vom Jesuskind:

Die Sprache des Krieges, die Sprache des Militärs - Schild, Sturmgeschoss, Schützengraben, Bollwerk - wird benutzt, um damit die Not des Neugeborenen in der Krippe zu beschreiben. Ja, mehr noch: Die Tränen, die Blöße, das Leid werden zu mächtigen Waffen - und armselige Schäfer zu Elitesoldaten. Wie sich alles umkehrt! In der Adventszeit lesen wir wieder: "Alle Täler sollen erhöht und alle Berge erniedrigt werden. Das Krumme soll gerade und das Hügelige eben werden." (Jesaja 40,4). Das Kind in der Krippe verkehrt die Regeln der Welt, wie wir sie kennen, ins Gegenteil. Schwäche, Verletzlichkeit, Leiden werden zur Macht, mit der das Jesuskind das Böse besiegt. Das Lied, das Benjamin Britten vertont hat, treibt mir jedes Mal, wenn ich es höre, Tränen in die Augen. Ich fühle, dass es wahr ist: Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Verzicht auf Gewalt, aufs Zurückschlagen erst bringt Frieden. Schafhirten, Fischer, Gescheiterte werden bei Gott zu auserwählten Kämpfern für die gerechte Sache - nicht mit Waffen, sondern mit ihrer Einfalt, ihrer Verletzlichkeit, ihrer Liebe. 

Wie müssen diese Verse im Kriegsjahr 1942 geklungen haben, als Gut gegen Böse kämpfte - die Alliierten gegen das Naziregime. Und auch damals wie heute wusste man sich gegen den Terror kein anderes Mittel als die Gewalt. Vielleicht bleibt uns tatsächlich keine andere Wahl - wer wollte Menschen, die fanatisch vom Recht ihrer Sache überzeugt sind, mit Vernunft oder gar verletzlich begegnen? Und doch müssen wir immer wieder die Erfahrung machen, dass wir zwar den Übeltäter ausrotten können, aber das Übel nicht: Dass Gewalt und Demütigung immer wieder neu den Wunsch nach Rache, nach Gegengewalt wecken. 

Die Schwachheit des Kindes in der Krippe ist kein Mittel der Politik; Gewaltlosigkeit kann sich ein Staat nicht leisten. Und doch ist das, was wir gerade tun in Afghanistan, nicht das beste aller Mittel - und nicht das einzige. Wir tun noch nicht das Menschenmögliche, wenn wir nur zurückschlagen. Das Kind in der Krippe will, dass wir den Glauben nicht aufgeben, dass Tränen, Verletzlichkeit und Liebe die stärksten und besten Waffen sind. Dass es die größte Stärke ist, nicht zurückzuschlagen, sondern dem Gegner entgegen zu gehen. Diesen Glauben wünsche ich uns für die Advents- und Weihnachtszeit,

Ihr Güntzel Schmidt.

 
 
 
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