Das Wichernkreuz, Symbol der Wicherngemeinde

Wichern aktuell 3/2004

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Müssen wir Christen uns mit der Globalisierung beschäftigen?

Die Mehrheit unserer Gemeindemitglieder gehört zur Mittelklasse. Die meisten von uns leben in einem ziemlich gesicherten Wohlstand und nehmen die zunehmenden Beeinträchtigungen unserer Lebensqualität kaum als existentielle Bedrohung wahr. Die auf uns zukommenden Probleme spüren wir jedoch schon. Sie lassen sich stichwortartig so benennen: 

  • Einschnitte bei den sozialen Sicherungssystemen (Kürzungen und generelle Unsicherheit bei der Altersversorgung, Ausdünnung der gesetzlichen Gesundheitsversorgung),
  • Verschlechterung bei öffentlichen Dienstleistungen z.B. im Bereich von Bildung und Verkehr,
  • zunehmende Zerstörung der Schöpfung. 

All diese Problembereiche haben etwas mit unserer Art des Wirtschaftens zu tun. Die Erwerbslosen, die Sozialhilfeempfänger, Obdachlosen und Armen bei uns bekommen die Schattenseiten und negativen Folgen unseres Wirtschaftens sehr deutlich zu spüren. Auch in unserem Stadtteil gibt es z.B. zunehmend mehr Menschen, die um eine warme Mahlzeit bitten oder im Müll nach Essen suchen. Dramatisch ist die wachsende Verelendung jedoch vor allem für die Menschen in der Dritten Welt.

../Bilder/WA03_2004_TeilenMachtReich.jpg Als entscheidender Motor für diese Entwicklung gilt die neoliberale Globalisierung. Dieser Wirtschaftsform liegt die Überzeugung zugrunde, dass ein von politischen Eingriffen weitgehend verschontes Schalten und Walten der Marktmechanismen in globalem Maßstab wirtschaftliches Wachstum und mehr Wohlstand für alle Länder und deren Menschen hervorbringt. Aus diesem Grund werden Maßnahmen ergriffen, die durch Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung eine beträchtliche Schwächung der Rolle der einzelnen Staaten bei der Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft bewirken. Das Leben wird immer mehr von privaten finanziellen Geschäftsinteressen beherrscht. Kapital wird angehäuft, und es gilt, im uneingeschränkten Wettbewerb möglichst hohen Gewinn zu erzielen.

Der erwirtschaftete Wohlstand verteilt sich dadurch in höchstem Maße ungleichmäßig. Der Markt begünstigt vor allem die, die viel besitzen und Geldvermögen haben, sie können sich auf den internationalen Märkten durchsetzen und das Marktgeschehen bestimmen. Politische und militärische Macht werden außerdem als Instrumente benutzt, um einen ungefährdeten Zugang zu Ressourcen zu garantieren und den Schutz von Investitionen und Handel sicherzustellen. Dabei werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer.

Was können wir als Einzelne tun, wenn diese Skizzierung zutrifft und wir täglich hören, es gäbe keine Alternativen.

Aus unserem Glauben als Christen heraus sollten wir aber die wachsende Ungerechtigkeit und Verarmung nicht nur beklagen, sondern uns aufgerufen fühlen, nach Alternativen des globalen Wirtschaftens zu suchen, die allen Menschen ein Auskommen und Überleben garantieren und Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das Evangelium verspricht Leben in Fülle für alle Menschen und die ganze Schöpfung. Von dieser Vision her sollten wir Christen uns leiten lassen und eine Wirtschaft im Dienst des Lebens anstreben. Märkte und Geld sollten den Austausch von Gütern ermöglichen, um menschliche Bedürfnisse zu befriedigen und zum Aufbau der menschlichen Gemeinschaft beizutragen. Doch welche Schritte können wir in diese Richtung machen? Der Ökumenische Rat der Kirchen, der Lutherische Weltbund und der Reformierte Weltbund, also Christen aus allen Ländern der Welt, fordern uns auf, uns diesen Problemen zu stellen.

Quelle: Kirchen im ökumenischen Prozess für gerechte Globalisierung "Wirtschaft(en) im Dienst des Lebens"
 zusammengestellt von Detlef Quandt
 
 
 

Matthias Rahm zurück zu WA 3/2004 Stand: 11.08.2004 Impressum: Wichern aktuell Impressum