Auf-er-stehen
Wir gehen auf Ostern zu.
Wir gehen den Weg des Kirchenjahres, der von Aschermittwoch
in einer unaufhaltsamen Linie hinab zum Karfreitag führt.
Wir folgen Jesus auf seinem Leidensweg ans Kreuz bis zur
finsteren Nacht von Golgatha, feiern im Licht des
Ostermorgens seine Auferstehung.
Der Weg zum Licht führt
durch Abgründe des Leidens und der Dunkelheit.
Auf diesem
Weg in der Passionszeit werden wir von unserer Biografie
eingeholt. Erinnern wir uns an eigenes Erleiden, an
Passionen. Wir haben Schönes wie Schweres erlebt und
erlitten. Es hat uns in unaufhaltsamer Linie bis zum
bitteren oder süßen Ende geführt. Es hat uns in Abgründe
blicken lassen - unsere eigenen und die anderer Menschen.
Wir haben zum Beispiel das Sterben eines lieben Menschen
miterlebt. Wir haben ohnmächtig und verlegen an seinem Bett
gesessen und dann an seinem Sarg gestanden. Wir haben den
Abgrund gespürt, den sein Tod in unser Leben gegraben hat.
Wir haben geweint, wir haben nicht mehr weiter gewusst.
Wann
kam für uns der Ostermorgen, die Auferstehung?
Sie kam, als
wir wieder aufstanden, als wir weiterlebten.
Nicht als
überschwängliche Freude, wie sie am Ostermorgen begangen
wird. Eher als verwunderte Feststellung: Es geht weiter!
Nicht am nächsten oder übernächsten Tag, sondern nach
längerer, nach langer Zeit. Als wir vor dem Abgrund standen,
den der Tod dieses Menschen in unser Leben gegraben hat, und
uns nicht mehr angst wurde vor dieser Lücke. Als wir
hineinsehen konnten - traurig, aber auch dankbar für das
Vergangene, vielleicht sogar glücklich.
Nicht nur der Tod
eines Menschen, auch all die anderen Passionen unseres
Lebens sind die Abgründe, vor denen uns graut. Auferstehung
ist geschehen, wenn wir uns nicht mehr ducken, verstecken
müssen vor unserem eigenen Leben - aus Angst, in den Abgrund
zu stürzen, wenn wir seinem Rand zu nahe kommen.
Auferstehung ist geschehen, wenn wir aufstehen und in die
Lücke hineinsehen können - nicht ohne das Gefühl der Trauer,
der Wut, der Leidenschaft noch einmal zu empfinden. Aber
gefasst und sicher, nicht mehr hineingesogen zu werden in
dieses Loch.
Aufstehen kann man üben.
Seinem eigenen Leben
standhalten - es gelingt, weil der eine, dessen Passion wir
gedenken und dessen Auferstehung wir feiern, unser Leben
ausgehalten hat und weiter aushält. Jesus Christus hält uns
an den Abgründen unserer Passionen, indem er uns vergibt. So
können auch wir uns vergeben. So können wir dem Menschen
vergeben, der uns Leid angetan hat, können das Schöne wieder
erkennen, dankbar, sogar glücklich sein.
Das ist
Auferstehung schon in diesem Leben.
Ihr Güntzel Schmidt.
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