Das Wichernkreuz, Symbol der Wicherngemeinde
Wichern aktuell 2/2002
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Wichern aktuell 2/2002
Leitartikel
Jana Körner
50 +
Abschied
Sonnenstrom
Konfirmanden
Rosenäckern
LÖW

Auf-er-stehen

Wir gehen auf Ostern zu.
Wir gehen den Weg des Kirchenjahres, der von Aschermittwoch in einer unaufhaltsamen Linie hinab zum Karfreitag führt. Wir folgen Jesus auf seinem Leidensweg ans Kreuz bis zur finsteren Nacht von Golgatha, feiern im Licht des Ostermorgens seine Auferstehung.

Der Weg zum Licht führt durch Abgründe des Leidens und der Dunkelheit. 

Auf diesem Weg in der Passionszeit werden wir von unserer Biografie eingeholt. Erinnern wir uns an eigenes Erleiden, an Passionen. Wir haben Schönes wie Schweres erlebt und erlitten. Es hat uns in unaufhaltsamer Linie bis zum bitteren oder süßen Ende geführt. Es hat uns in Abgründe blicken lassen - unsere eigenen und die anderer Menschen. 

Wir haben zum Beispiel das Sterben eines lieben Menschen miterlebt. Wir haben ohnmächtig und verlegen an seinem Bett gesessen und dann an seinem Sarg gestanden. Wir haben den Abgrund gespürt, den sein Tod in unser Leben gegraben hat. Wir haben geweint, wir haben nicht mehr weiter gewusst.

Wann kam für uns der Ostermorgen, die Auferstehung? 

Sie kam, als wir wieder aufstanden, als wir weiterlebten.

Nicht als überschwängliche Freude, wie sie am Ostermorgen begangen wird. Eher als verwunderte Feststellung: Es geht weiter! Nicht am nächsten oder übernächsten Tag, sondern nach längerer, nach langer Zeit. Als wir vor dem Abgrund standen, den der Tod dieses Menschen in unser Leben gegraben hat, und uns nicht mehr angst wurde vor dieser Lücke. Als wir hineinsehen konnten - traurig, aber auch dankbar für das Vergangene, vielleicht sogar glücklich.

Nicht nur der Tod eines Menschen, auch all die anderen Passionen unseres Lebens sind die Abgründe, vor denen uns graut. Auferstehung ist geschehen, wenn wir uns nicht mehr ducken, verstecken müssen vor unserem eigenen Leben - aus Angst, in den Abgrund zu stürzen, wenn wir seinem Rand zu nahe kommen. Auferstehung ist geschehen, wenn wir aufstehen und in die Lücke hineinsehen können - nicht ohne das Gefühl der Trauer, der Wut, der Leidenschaft noch einmal zu empfinden. Aber gefasst und sicher, nicht mehr hineingesogen zu werden in dieses Loch.

Aufstehen kann man üben.

Seinem eigenen Leben standhalten - es gelingt, weil der eine, dessen Passion wir gedenken und dessen Auferstehung wir feiern, unser Leben ausgehalten hat und weiter aushält. Jesus Christus hält uns an den Abgründen unserer Passionen, indem er uns vergibt. So können auch wir uns vergeben. So können wir dem Menschen vergeben, der uns Leid angetan hat, können das Schöne wieder erkennen, dankbar, sogar glücklich sein. 

Das ist Auferstehung schon in diesem Leben. 

Ihr Güntzel Schmidt.

 
 
 
 
 Matthias Rahm
 Stand: 22.03.2002