"Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder einen klaren
Vernunftgrund widerlegt werde, so bin ich durch die von mir
angeführten Schriftworte bezwungen. Und solange mein
Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will
ich nichts widerrufen, weil es unsicher und unlauter ist,
etwas gegen das Gewissen zu tun."
Mit diesem Argument lehnte es Martin Luther 1521 auf dem
Reichstag zu Worms ab, seine reformatorischen Schriften zu
widerrufen. Seitdem berufen sich die Protestanten auf
Luthers "Schriftprinzip"; die Bibel als einzige Quelle in
allen Fragen des Glaubens ist geradezu zu unserem
Kennzeichen geworden.
Das Jahr der Bibel erinnert daran, wie wichtig die Bibel für
alle Menschen ist. Selbst Bertolt Brecht soll auf die Frage,
welches eine Buch er auf eine einsame Insel mitnehmen würde,
gesagt haben: "Sie werden lachen: Die Bibel". Die Bibel ist
wichtig, und sei es nur aus dem Grund, dass sie unsere
Kultur geprägt hat und prägt. Für uns Christen ist sie aber
viel mehr: Grundlage all unseres Redens und Denkens von Gott
und die Quelle all unserer Erfahrungen mit Gott. Das Jahr
der Bibel will dazu ermutigen, diese Quelle immer wieder und
immer mehr aufzusuchen.
Im Konfirmandenunterricht, vor allem in den Ferienseminaren,
üben wir den Umgang mit diesem Buch. Es sollte für jede
Christin und jeden Christen selbstverständlich sein, sich
anhand der Bibel über den Glauben zu informieren und seine
eigene Meinung in Glaubensfragen zu bilden - auch wenn
dieses Buch nicht leicht zu verstehen ist. Mit der "Bibel-
Entdecker-Tour" wollen wir im Jahr der Bibel einen Zugang zu
diesem Buch finden und auch die Kindergottesdienst-Kinder
mit der Bibel vertraut machen.
Die Bibel ist nicht leicht zu verstehen - moderne
Bibelausgaben täuschen leicht darüber hinweg, dass unsere
"Lutherbibel" oder auch die "Gute Nachricht" Übersetzungen
sind. Die Bibel stammt aus Israel, und sie wurde in den uns
fremden Sprachen Hebräisch und Griechisch geschrieben. Wenn
wir die Bibel lesen, reisen wir, bildlich gesprochen, in ein
fremdes Land, und dazu noch zwei- bis dreitausend Jahre in
der Zeit zurück!
Und doch gibt es immer wieder Versuche, Fragen des Glaubens
mit Bibelzitaten zu "erschlagen". So hat es jüngst von
einigen Pfarrern unserer Landeskirche einen Aufruf an alle
Gemeinden gegeben, sich einer Segnung von
gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, wie er in der
Landessynode diskutiert wird, zu widersetzen. Begründet wird
der Aufruf damit, dass es in der Bibel Stellen gibt, die
Homosexualität als Sünde verurteilen. Es gibt in der Bibel
auch Stellen, die Frauen das Predigen im Gottesdienst
verweigern. Unter Berufung auf diese Stellen wurde bis 1968
auch in unserer Landeskirche Frauen der Zugang zum Pfarramt
verwehrt. Es gibt auch Bibelstellen, die verlangen,
Milchiges und Fleischiges von einander zu trennen (wie es
von orthodoxen Juden praktiziert wird) oder Ehebrecher
hinzurichten.
Die Frage ist nicht, welche Bibelstelle man als verbindlich
für sich anerkennt und welche nicht. Die Frage ist, ob man
sich die Mühe macht, die Bibel wirklich zu verstehen. Luther
hat neben das "klare Schriftzeugnis" die "klaren
Vernunftgründe" gestellt. Die Bibel verlangt nicht, den
Verstand an der Garderobe abzugeben, sondern vielmehr, ihn
zu schärfen und zu gebrauchen. "Wohl dem, ... der sinnt
über Gottes Gesetz Tag und Nacht", legt der 1. Psalm die
Latte hoch für alle "Bibelentdecker". Wenn wir ein fremdes
Land bereisen, werden wir es erst wirklich kennen lernen und
verstehen, wenn wir uns darum bemühen - und nicht, wenn wir
schon vorher wissen, was uns erwartet.
Die Bibel ist ein fremdes Land für uns, auch wenn uns vieles
vertraut erscheint. Niemand kann sie davor bewahren,
missverstanden zu werden. Wir sollten uns daher bemühen,
sie als dieses fremde Land ernst zu nehmen, nicht vorher
wissen, was sie uns sagen will, oder unsere Meinung darin
bestätigt suchen, sondern uns von ihr sagen lassen, was
Gottes Wille für uns ist. Das ist schon einige Mühe wert. So
werden wir dieses fremde Land erforschen, so werden uns
Plätze und Orte dieses Landes vertraut, werden zu Plätzen,
auf denen wir eine Heimat, eine Zuflucht errichten können
und wo wir Trost und Hilfe finden, wenn wir sie brauchen.
Ihr Güntzel Schmidt
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