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Wichern aktuell 1/2003

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Bibel-Entdecker-Tour

Was bedeutet uns die Bibel heute?

"Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder einen klaren Vernunftgrund widerlegt werde, so bin ich durch die von mir angeführten Schriftworte bezwungen. Und solange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher und unlauter ist, etwas gegen das Gewissen zu tun." 

Mit diesem Argument lehnte es Martin Luther 1521 auf dem Reichstag zu Worms ab, seine reformatorischen Schriften zu widerrufen. Seitdem berufen sich die Protestanten auf Luthers "Schriftprinzip"; die Bibel als einzige Quelle in allen Fragen des Glaubens ist geradezu zu unserem Kennzeichen geworden. 

Das Jahr der Bibel erinnert daran, wie wichtig die Bibel für alle Menschen ist. Selbst Bertolt Brecht soll auf die Frage, welches eine Buch er auf eine einsame Insel mitnehmen würde, gesagt haben: "Sie werden lachen: Die Bibel". Die Bibel ist wichtig, und sei es nur aus dem Grund, dass sie unsere Kultur geprägt hat und prägt. Für uns Christen ist sie aber viel mehr: Grundlage all unseres Redens und Denkens von Gott und die Quelle all unserer Erfahrungen mit Gott. Das Jahr der Bibel will dazu ermutigen, diese Quelle immer wieder und immer mehr aufzusuchen.

Im Konfirmandenunterricht, vor allem in den Ferienseminaren, üben wir den Umgang mit diesem Buch. Es sollte für jede Christin und jeden Christen selbstverständlich sein, sich anhand der Bibel über den Glauben zu informieren und seine eigene Meinung in Glaubensfragen zu bilden - auch wenn dieses Buch nicht leicht zu verstehen ist. Mit der "Bibel- Entdecker-Tour" wollen wir im Jahr der Bibel einen Zugang zu diesem Buch finden und auch die Kindergottesdienst-Kinder mit der Bibel vertraut machen.

Die Bibel ist nicht leicht zu verstehen - moderne Bibelausgaben täuschen leicht darüber hinweg, dass unsere "Lutherbibel" oder auch die "Gute Nachricht" Übersetzungen sind. Die Bibel stammt aus Israel, und sie wurde in den uns fremden Sprachen Hebräisch und Griechisch geschrieben. Wenn wir die Bibel lesen, reisen wir, bildlich gesprochen, in ein fremdes Land, und dazu noch zwei- bis dreitausend Jahre in der Zeit zurück!

Und doch gibt es immer wieder Versuche, Fragen des Glaubens mit Bibelzitaten zu "erschlagen". So hat es jüngst von einigen Pfarrern unserer Landeskirche einen Aufruf an alle Gemeinden gegeben, sich einer Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, wie er in der Landessynode diskutiert wird, zu widersetzen. Begründet wird der Aufruf damit, dass es in der Bibel Stellen gibt, die Homosexualität als Sünde verurteilen. Es gibt in der Bibel auch Stellen, die Frauen das Predigen im Gottesdienst verweigern. Unter Berufung auf diese Stellen wurde bis 1968 auch in unserer Landeskirche Frauen der Zugang zum Pfarramt verwehrt. Es gibt auch Bibelstellen, die verlangen, Milchiges und Fleischiges von einander zu trennen (wie es von orthodoxen Juden praktiziert wird) oder Ehebrecher hinzurichten.

Die Frage ist nicht, welche Bibelstelle man als verbindlich für sich anerkennt und welche nicht. Die Frage ist, ob man sich die Mühe macht, die Bibel wirklich zu verstehen. Luther hat neben das "klare Schriftzeugnis" die "klaren Vernunftgründe" gestellt. Die Bibel verlangt nicht, den Verstand an der Garderobe abzugeben, sondern vielmehr, ihn zu schärfen und zu gebrauchen. "Wohl dem, ... der sinnt über Gottes Gesetz Tag und Nacht", legt der 1. Psalm die Latte hoch für alle "Bibelentdecker". Wenn wir ein fremdes Land bereisen, werden wir es erst wirklich kennen lernen und verstehen, wenn wir uns darum bemühen - und nicht, wenn wir schon vorher wissen, was uns erwartet.

Die Bibel ist ein fremdes Land für uns, auch wenn uns vieles vertraut erscheint. Niemand kann sie davor bewahren, missverstanden zu werden. Wir sollten uns daher bemühen, sie als dieses fremde Land ernst zu nehmen, nicht vorher wissen, was sie uns sagen will, oder unsere Meinung darin bestätigt suchen, sondern uns von ihr sagen lassen, was Gottes Wille für uns ist. Das ist schon einige Mühe wert. So werden wir dieses fremde Land erforschen, so werden uns Plätze und Orte dieses Landes vertraut, werden zu Plätzen, auf denen wir eine Heimat, eine Zuflucht errichten können und wo wir Trost und Hilfe finden, wenn wir sie brauchen.

Ihr Güntzel Schmidt

 
 
 
Matthias Rahm Stand: 26.01.2003 Impressum: Wichern aktuell Impressum