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Wichern aktuell 1/2002
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Wichern aktuell 1/2002
Leitartikel
Kristina Kühnbaum-Schmidt
Hans Römer
Posaunenchor
Spender
Terror

Terror nicht mit Terror vergelten

Auszüge aus einem Brief von Dr. Konrad Raiser (OeRK) an Kofi Annan, Generalsekretär der Vereinten Nationen, zu den Ereignissen vom 11. September 2001

 

"...Wie Sie es klar ausgedrückt haben, haben die Anschläge die extreme Verletzlichkeit aller Nationen gezeigt und darüber hinaus auch die Anfälligkeit des herrschenden globalen Systems. In einer Welt, in der eine immer größere Zahl von Nationen und Völkern zu extremer Armut verurteilt ist, während großer Wohlstand in anderen Teilen angehäuft wird, eine solche Gesellschaft ist in sich instabil und verletzlich gegenüber allen Akten solch extremer Gewalt. Eine Welt, in der Geist, Logik und Praxis des Krieges die Politik der mächtigen Nationen bestimmt und in der diese geistige Haltung durch eine immer eindimensionalere Medienlandschaft auch auf die Völker selbst zurückstrahlt, eine solche Welt erzeugt Gewalt. 

P. Breugel d.Ä.: Der Turmbau zu Babel

Die Gewalt des Terrorismus in all seinen Formen ist allen zuwider, die an das menschliche Leben als einer Gabe Gottes glauben, das von daher kostbar ist. Jeder Versuch, andere einzuschüchtern, indem man unterschiedslos Gewalt und Ungerechtigkeit auf sie kommen lässt, wird weltweit verurteilt. Die Antwort auf Terrorismus darf nicht vorschnell gegeben werden, da dies nur zu mehr Gewalt und Terror führen kann. Stattdessen gilt es zu einem abgestimmten Verhalten aller Nationen zu kommen, die jede Möglichkeit der Rechtfertigung solcher Akte verunmöglicht. 

Solange die Schreie der durch unaufhörliche Ungerechtigkeit Gedemütigten, durch die systematische Vorenthaltung ihrer Rechte, durch die Arroganz der Macht derjenigen, die unumschränkte militärische Macht in Händen halten, weiter überhört werden, solange wird sich der Terrorismus nicht überwinden lassen. Die Antwort auf den Terrorismus kann nur gefunden werden, wenn sich die Welt den Übeln zuwendet, welche die Gewalt zwischen und in den Nationen erzeugt. ... 

World Trade Center in New York, September 2001

Die Reaktion auf diesen Akt darf nicht größerer Isolationismus sein, sondern muss die Nationen dazu bewegen, sich in einer internationalen Gemeinschaft zusammenzuschließen und gemeinsam den Herausforderungen zu stellen und ihren vollen Anteil, sei er finanziell oder anders gemäß der Charta der Vereinten Nationen zu erfüllen. 

Die Reaktion auf diesen Akt darf kein Rückfall in weltweiten Militarismus, in die Doktrin einer Nationalen Sicherheit oder eines Ausnahmezustandes sein, der die Garantien und den Schutz der fundamentalen Menschenrechte aufhebt. Für die Demokratie wurde ein zu hoher Preis bezahlt, als dass sie jetzt geopfert werden dürfte. Sicherheit, die auf überlegener militärischer Macht ruht, muss den Weg freimachen für eine neue Haltung, die eine menschliche Sicherheit sucht, die auf Gerechtigkeit für alle beruht.

Der Respekt vor und die Stärkung der Herrschaft des Rechtes, national wie international, ist die Basis für eine gemeinsame Sicherheit und wahre Gerechtigkeit; wir dürfen nicht zulassen, dass diese Werte weiter an Bedeutung verlieren. 

Eine solche Gerechtigkeit muss sich auch auf diejenigen erstrecken, die für diese oder ähnliche Akte des Terrorismus verantwortlich sind, sie müssen sich vor einem Gericht für ihre Taten verantworten. Die Verletzung der Gerechtigkeit ist eine andere Form des Terrorismus und darf nicht geduldet werden. ... 

Und schließlich darf die Reaktion auf diesen unmenschlichen Akt keine nationale, ethnische oder religiöse Gruppe stigmatisieren. Die Annahme, es gebe einen Zusammenstoß der Zivilisationen, darf nicht zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden."

 
 
 
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