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Wicherngemeinde Braunschweig - Lehndorf / Kanzlerfeld
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Evangelisch-lutherische Wichernkirche

Baugeschichte - Baubeschreibung - Bauveränderungen - Baubewertung

Begründung des Denkmalwertes der Wichernkirche anläßlich der Aufnahme der Wichernkirche in das Verzeichnis der Kulturdenkmale im März 1999

Als der Münchener Architekt Gustav Gsaenger 1936 den Auftrag des Stadtkirchenrates zu einem Entwurf für den Neubau einer Kirche mit Pfarrhaus und Gemeindesaal in der Muster- und Neubausiedlung Braunschweig-Lehndorf erhielt, dürfte seine erfolgreiche Beteiligung an dem städtebaulichen "Wettbewerb für die zentrale Platzgestaltung der Siedlung Lehndorf" von Frühjahr 1934 (Gsaenger erhielt den 2.Preis, vgl. Deutsche Bauzeitung, Nov.1934) die Wahl eines auswärtigen Architekten maßgeblich beeinflußt haben. Darüber hinaus war der schon 1933/34 für den Stadtkirchenrat tätige, braunschweiger Architekt August Pramann bereits mit drei Neubauprojekten für Kirchen in Gliesmarode, Rühme und dem Siegfriedviertel vermutlich ausgelastet.
Von dem gleichfalls als Architekt im protestantischen Kirchenbau in Erscheinung getretenen Gsaenger konnte aufgrund seines Erfolges im städtebaulichen Wettbwerb erwartet werden, daß er den sich abzeichnenden Konflikt um einen Kirchenneubau in der nationalsozialistischen Mustersiedlung Lehndorf im Sinne des Stadtkirchenrates beeinflussen konnte.
Im Gegensatz zur Mustersiedlung "Mascheroder Holz" (1936-41), der heutigen Südstadt, in der erst 1954 mit St.Markus eine Kirche errichtet wurde, konnte in Lehndorf am 6.10.1940 der Neubau der heutigen Wichernkirche geweiht werden. Während in der Südstadt am zentralen Weifenplatz 1938 ein quasi sakraler Gemeinschaftsbau als "Volks- und Parteihaus" in deutlicher Anlehnung an den romanischen Kirchenbau ersatzlos und demonstrativ den Standort einer Kirche einnahm, konnte in Lehndorf auf einem Grundstück unweit des zentralen Platzes im Schatten des sog. Aufbau-Hauses eine Kirche errichtet werden. Entgegen der Planung von 1934, die einen Kirchenbau auf dem Saarplatz in zentraler Lage der Hauptmagistrale der Siedlung plazierte, gelang es nur zwei Jahre später aus ideologischen Gründen nicht, einen Kirchenbau mit Glockenturm auf dem zugewiesenen Grundstück in Angriff zu nehmen. Statt dessen wurde in drei Bauabschnitten mit der offen gehaltenen Option für einen schlanken Chorturm das Projekt unter Schwierigkeiten von Okt. 1937 bis Okt. 1940 umgesetzt.

PfarrhausDen Anfang machte das giebelständige Pfarrhaus (Okt.1937 - Juni 1938), ein zweigeschossiger Ziegelbau mit hell geschlämmten Außenwänden unter einem steilen Satteldach mit dunkelbraun engobierten Hohlpfannen und kleinen Einzelschleppgauben. Im zweiten Bauabschnitt von April 1938 bis Okt. 1940 wurde in Firstverlängerung der schlichte Saalbau mit einem flachen Chorschluß nach Westen [verlängert]. Im dritten Bauabschnitt von April 1939 bis August 1940 entstand im rechten Winkel mit einer deutlich tiefer gelegten Trauf- und Firstlinie der Gemeindesaal, der sich bei Bedarf als räumliche Erweiterung zum Chorbereich der Kirche mit dem Taufstein öffnen läßt.

Blick vom Büro auf den Kirchvorplatz mit PfarrhausDer durch die beiden Baukörper nach Westen und Süden räumlich begrenzte Vorplatz wird zur Straße lediglich durch eine Brüstungsmauer und drei Linden an der offenen Nordostecke gefaßt. Hierdurch wird der Charakter eines dörflichen Kirchplatzes noch verstärkt.
Das Pfarrhaus wird nach Norden zum öffentlichen Bereich des Kirchplatzes durch eine eingezogene Galerie in Holzständerbauweise geöffnet. Die Erschließung für das Gemeindebüro erfolgt gleichfalls über die unter der Galerie angeordnete Haustür zum Pfarrhaus. Die privaten Wohnräume mit repräsentativen Charakter und einer Terrasse liegen im Erdgeschoß entlang der südlichen Traufe zum privaten Gartenbereich. Während diese Wohnräume mit Parkett und verglasten Flügeltüren ausgestattet wurden, erhielt die nach Norden ausgerichtete Eingangshalle mit dem offenen Treppenaufgang zum Obergeschoß mit den Schlafräumen eine Balkendecke und Solnhofener Bodenplatten. Die Innentüren wurden als dunkel gebeizte Rahmen-Füllungstüren in solider handwerklicher Qualität und zeitloser Form ausgeführt.

KirchenportalDer nach Außen lediglich durch jeweils sechs Fensterbahnen an den Traufseiten in Erscheinung tretende Saalbau der Kirche mit einer Orgelempore nach Osten und einem flachen, nicht befensterten Chorschluß nach Westen wird vom Kirchplatz über ein Portal unter der Empore erschlossen. Dieses Portal erhält eine Betonung als Hauptzugang zur Kirche lediglich durch zwei flankierende, abgeschrägte Strebepfeiler. Die mit jeweils einem Meter Abstand zur Portalöffnung angeordneten Strebepfeiler unterstreichen den dörflichen Charakter des Kirchplatzes.


Fortsetzung (Teil 2)



Autor Martin Ahrens        Letzte Änderung 21.04.2007 (manfred matzke)