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Wicherngemeinde Braunschweig - Lehndorf / Kanzlerfeld
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Zur Steleneinweihung am 17.12.1997 vor dem Wichernhaus Kanzlerfeld

Über Kunst kann man bekanntlich streiten, und das ist auch gut so, denn nur wer sich damit auseinander setzt, nimmt Kunstwerke wirklich wahr. Auch im Falle unserer heute neu eingeweihten Wichern-Stele ist dies nicht anders. Deshalb war es für viele der Anwesenden gewiß nützlich, aus berufenem Munde nochmals zu erfahren, was man sich damals bei der Aufstellung der vergänglichen hölzernen Vorläufer-Stele gedacht hat und heute bei ihrer nunmehr ausgewachsenen Stahl-Nachfolgerin ebenfalls denken darf. Ich möchte dem jetzt nichts mehr hinzufügen, sondern im Gegenteil in einer exegetischen Auseinandersetzung mit dem Begriff "Stele" verdeutlichen, was man sich beim Anblick dieses Kunstwerkes mit Sicherheit nicht denken soll. Textquelle für diese Auslegung ist Band 18 der Brockhaus-Enzyklopädie aus dem Jahre 1973.

Danach stammt dieses Wort aus dem Altgriechischen und bezeichnete schlicht eine "Säule". In der Botanik ist dieser ursprüngliche Begriff noch erhalten, nämlich als (ich zitiere) "der Zentralzylinder pflanzlicher Sproßachsen, der sich aus Leitbahnen, Markgewebe und Markstrahlen zusammensetzt". Es wäre verführerisch, hierzu jetzt Parallelen zu ziehen und unsere Wichernsäule aus dem Blickwinkel eines Naturwissenschaftlers zu betrachten. Wir sollten uns dieses jedoch verkneifen und statt dessen lieber ein wenig über den rund 6000-jährigen kunstgeschichtlichen Werdegang derartiger Objekte nachdenken. Hiernach sind Stelen (abermals aus dem Brockhaus zitiert) "als Baukörper freistehende Platten oder Pfeiler aus Stein, seltener - (man höre!) - aus Metall", und zwar in aller Regel "als Grenzsteine, Inschriften- oder Grabsteine". gedacht. Die unsere ist jedoch, wie wir gleich sehen werden, eindeutig keines davon!

Während der Hochblüte des Ägyptischen Reiches wurden die vorher schon tausend Jahre lang im Zweistromland verwendete Stelen mit bemalten Reliefs immer reicher ausgestaltet und nahmen biographische und königliche Inschriften, Hymnen und Gebete auf. Auch die pharaonischen Erlasse und Triumphe wurden auf Stelen veröffentlicht. Da haben wir es heute doch entschieden bequemer: Welch schrecklicher Gedanke wäre es doch, wenn wir die kirchlichen Nachrichten unserer Gemeinde statt in "Wichern-Aktuell" noch in Form von Hieroglyphen auf dieser Stele entziffern müßten. Der Himmel bewahrte uns dankenswerterweise vor dieser Mühe, aber er möge uns bitte auch vor den modernen Spray-Hieroglyphen unserer Neuzeit bewahren!

Die griechischen Stelen aus archaischer Zeit waren schlanke, hoch aufragende Steinplatten und wurden von einer Sphinx bekrönt. Da lobe ich mir doch die klaren und einfachen Linien un-serer Wichernstele, selbst wenn sich für den einen oder anderen von uns immer noch eine imaginäre Sphinx darüber befinden sollte. Die künstlerische Phantasie der alten Griechen aber wurde mit der Zeit immer üppiger, so daß man in Athen um 500 v. Chr. einschreiten zu müssen glaubte und die Schaffung weiterer Stelen durch ein spezielles Luxusgesetz verbot. Sie sehen, die Geschichte wiederholt sich, denn auch bei uns wurde die neue Stele während der Planungszeit teilweise als überflüssiger Luxus empfunden und gelegentlich sogar abgelehnt. Die Fronten gingen dabei mitten durch den Kirchenvorstand, aber wir haben uns am Ende dann doch einvernehmlich die bereits von den Vorrednern genannten Pro-Argumente zu Eigen gemacht.

Auch die Griechen, jedenfalls die außerhalb von Athen, konnten es nicht lassen, ihre Grabstelen immer üppiger zu gestalten, um damit ihren persönlichen Stand zu betonen, aber auch um die Nachwelt an den eigenen Ruhm zu erinnern. Wäre dieses der Zweck unserer Wichern-Stele, dann würde sie ganz zu Recht unter das Gesetz des Demetrios von Phaleron aus dem Jahre 317 v. Chr. gegen den Gräberluxus fallen, mit dem die weitere Stelen-Entwicklung in Attika ein sehr plötzliches Ende fand. Die Tatsache, daß unsere Stele dennoch entstand, ist zweifellos ihrem schlichten Aussehen und den - wie wir gehört haben - vergleichsweise geringen Kosten zu verdanken. Wir können auch mit Sicherheit davon ausgehen, daß die sehr generösen Spender, die den finanziellen Grundstock für dieses Kunstwerk gelegt haben, damit keinerlei persönliche Absichten verbanden.

Auch die vorkolumbianischen Kulturen Mittel- und Südamerikas besaßen zahlreiche, mit Reliefs oder Hieroglyphen geschmückte Stelen. Diese waren jedoch - im Gegensatz zu denen in Griechenland - kein Grabschmuck, sondern datierte Zeitmonumente, die sich merkwürdigerweise meistens am Fuße von Treppen befanden. Da diese Treppen - jedenfalls zur Maya-Zeit - bekanntlich oft gigantische Ausmaße hatten, waren die dortigen Stelen für die Passanten nicht unbedingt ein gutes Omen, sondern sie haben ihnen zunächst einmal beträchtliche, vor ihnen liegende, physische Anstrengungen signalisiert. Auch dies wäre also im Vergleich ein höchst positiver Unterschied zu Gunsten unseres hiesigen Gegenstücks, denn zu dem dahinter gelegenen Wichernhaus führen lediglich wenige Stufen, die selbst sehr gehfaulen Besuchern keine besondere Mühe abfordern.

Fassen wir also zusammen: Mit unserer Wichern-Stele stehen wir insgesamt in einer sehr alten Tradition. Im Gegensatz zu ihren antiken Vorläufern wurde sie jedoch nicht zum Ruhme der Toten, sondern zur Erbauung der Lebenden geschaffen. In ihrer - in diesem Falle eindeutig nicht-klassischen - Schlichtheit erspart sie uns jegliche Anstrengung des Entzifferns von ver-witterten Bildern und hieroglyphischen Texten. Es bedarf auch nicht der Mithilfe einer Sphinx, um ihren symbolischen Inhalt zu deuten. Lediglich das Wichern-Kreuz in ihrer Grundgestalt soll uns erinnern an den verdienten Begründer der kirchlichen Diakonie, dem nachzueifern nun wahrhaftig keine Schande wäre. Im übrigen aber will sie den Betrachter vor allem erfreuen und dazu einladen, am Leben in dem dahinter befindlichen Kirchgemeinde-Haus teilzunehmen. Freuen wir uns deshalb, daß wir sie wiederhaben!


D. Sauerbeck

 

 

Autor Martin Ahrens        Letzte Änderung 21.04.2007